AK-Studie zur Nachhilfesituation in Tirol
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Am Mittwoch, den 10. Dezember 2008, präsentierte die Arbeiterkammer die Studie zur Nachhilfesituation in Tirol in Buchform und lud anschließend Expertinnen und Experten von Landesschulrat, Schulpsychologie, Lehrerausbildung, Nachhilfeanbietern und Elternvertretung zur Podiumsdiskussion ein, um mit ihnen über die vielschichtigen Gründe, Auswirkungen und Lösungsansätze zu sprechen. Die aktive Teilnahme an der Diskussion deutete darauf hin, dass dieses Thema vielen unter den Nägeln brennt … Eltern, Schülern und Lehrern. AK-Präsident Erwin Zangerl betonte bei der Begrüßung, dass das Thema „Nachhilfe“ nicht zu einer sozialen Benachteilung der Kinder aus einkommensschwächeren Familien führen dürfe. Der Bildungsstand sollte nicht der Vererbungslehre unterliegen. Die Studie stellt eine Pionierleistung innerhalb Österreichs dar. In Niederösterreich hat man bereits Interesse an dem Studiendesign angemeldet.
Statements zu …
„Kosten für Nachhilfe“
Pro Schüler/in wurde im Schuljahr 2007/2008 im Durschnitt € 515 für bezahlte Nachhilfe ausgegeben. In wenigen Einzelfällen geben Eltern sogar € 1000,-- pro Monat (!) aus. Diese Ausgaben belasten die Haushaltsbudgets. Ein ander Beitrag verwies auf die Kosten für Kindergärten (€ 1500,--) und Privatschule (€ 940,--) pro Jahr und meinte, dass dazu die Nachhilfekosten vergeichsweise gering ausfielen.
Nachhilfe ist ein „sozialer Filter“:
„Mehr als die Hälfte würde mehr Nachhilfe benötigen, wenn dies leistbar wäre. Für 6,3 Prozent derer, die keine Nachhilfe in Anspruch genommen haben, liegt der Grund in den unzureichenden finanziellen Mitteln.“ (aus Studie). Damit werden Kinder aus sozial schwächeren Familien benachteiligt.
Lehrstoff und fehlende Basiskenntnisse und Eingangsvoraussetzungen beim Besuch höherer Schulen:
„Es braucht eine Durchforstung des Lernstoffs!“ Der Grundstock fehlt bereits aus der Volksschule (siehe auch neue TIMS-Studie). In der Volksschule sollte die beste Ausbildung garantiert werden.
Schulpartnerschaft:
Es braucht eine Verbesserung der Lehrer-Schüler-Beziehung, aber auch der Eltern-Lehrer-Beziehung. Es braucht Rollenklarheit!
Fach Mathematik
Manche Probleme liegen in der Natur des Faches. Der Lehrstoff baut aufeinander auf. Entstehen erst einmal Lücken, haben die Schüler Probleme. Bei 30 Schülern in der Klasse gibt es ein Marschtempo, bei dem 5 Schüler nicht mehr mitkommen. Es braucht auch im Mathematikunterricht eine innere Differenzierung. „Ich verweise darauf, dass es nicht immer bezahlte Nachhilfe sein muss, es gibt auch Nachhilfe unter Schülern.“
„In Österreich fehlt die Einstellung zu den Naturwissenschaften.“
Im Laufe der Zeit haben bestimmte Inhalte des Mathematikunterrichtes an Bedeutung verloren. So sind heute Mengenlehre, Logarithmen und Wurzelziehen weniger wichtig. Statistik hat im Alltag einen größeren Stellenwert und daher auch im Mathematikunterricht. Man solle auch bedenken, dass in keinem anderen Fach kritisches und systematisches Denken sowie Problemlösen so erlernt werden kann wie in Mathematik.
Ein Problem besteht im Unterschied der Dauer der Lehrerausbildung an Pädagogischen Hochschulen und an der Universität. An der PH gibt es nicht ausreichend Zeit für fachliche, fachdidaktische, pädagogische und praktische Ausbildung. Der Zeitraum an der PH ist einfach zu knapp bemessen.
Fach Rechnungswesen:
Die Gründe, warum im Fach Rechnungswesen so oft Nachhilfe in Anspruch genommen wird, sind ähnlich wie in Mathematik. Es ist ein aufbauendes Fach. Vielen fehlt es an einem Grundverständnis und am Gefühl für den Zahlenraum. Einfache Prozentrechnungen werden bereits zur Hürde. Es wird zu viel mit dem Taschenrechner gearbeitet („11. Gebot: Glaube immer deinem Taschenrechner!“). Rechnungswesen ist ein umfassendes Fach (Steuerrecht, Bilanzbuchhaltung, Finanzbuchhaltung, Personalverrechnung).
Nachhilfeunterricht
Dort erlernen die Schüler auch zunächst die Selbstorganisation und Lernstrategien, wie man an Aufgaben heran geht. Eltern werden auch beraten, wie man die Nachhilfe finanzieren könne.
Als Nachhilfeanbieter finde ich keine geeigneten Nachhilfelehrer für das Fach „Rechnungswesen“, weil das Universitätsstudium „Wirtschaftspädagogik“ diese Kompetenzen nicht mehr vermittelt.“
Bei Lernschwierigkeiten automatisch Nachhilfe?
In der Beratung der Schulpsychologie machen wir die Erfahrung, dass 1/3 Lernschwierigkeiten hat, 1/3 benötigt Bildungsberatung und ein Drittel hat andere Probleme. Wer Lernschwierigkeiten hat, braucht nicht automatisch Nachhilfe. Sehr häufig sind Probleme mit der Lernorganisation. Schüler haben oft keine Ahnung, wie sie lernen müssen. Zuerst braucht es eine Diagnose. Die Gründe können sein: falsche Schulwahl, Bedarf an Betreuung, fehlende Grundkenntnisse, aber auch Probleme in der Lehrer-Schüler-Beziehung. Manchmal ist auch ein Schulwechsel erforderlich.
Förderunterricht:
Von Elternseite wurde kritisiert, dass ein schlechter Informationsstand zum Thema Förderunterricht herrscht. Es gebe an den Schulen Werteinheiten für Förderunterricht. Eltern wüssten darüber zu wenig Bescheid. Direktoren und Lehrer informieren darüber zu wenig. Förderunterricht wird abgewehrt („Wir fördern keine faulen Schüler.“) Dank des Landesschulinspektors funktioniert es jetzt in der Hauptschule bei mein dritten Kind.“
“An unserer Schule gab es keinen Förderunterricht“.
“ Der Förderunterricht in der Schule bzw. der Nachmittagsbetreuung beträgt nur 5 Prozent !!“
Frühwarnsystem:
… wird sehr unterschiedlich gehandhabt.
Lehrer ...:
“Lehrer sind besser als ihr Ruf!“ Lehrer werden durch die Lehrerausbildung nicht mit den notwendigen Qualifikationen ausgestattet. Eine Lehrerin berichtet von der Lehramtsausbildung vor 20 Jahren. Man habe sich aber weiterentwickelt. „Lernen lernen“ fehlt. „Lehrer gehören zur Nachschulung.“
Falsche Schulwahl:
Es fehlt an Informationen zu Berufen und weiterführenden Bildungswegen (bereits in der Volksschule)
„Eine Schule ohne Nachhilfe“
… ist derzeit in Österreich eine Illussion. Interessant wäre ein internationaler Vergleich der Bildungssysteme mit Hinblick auf das Phänomen Nachhilfe. Es wurde auf Südtirol verwiesen, wo es Nachhilfe angeblich nicht gibt (Begleitkurse, Nachmittagsbetreuung).
Beispiel Finnland: Dort, so wird berichtet, gebe es die Einstellung, dass „kein Schüler verloren gehen darf“. Daher gibt es kein Wiederholen von ganzen Klassen. Es müssen nur die Fächer nachgeholt werden, wo die Prüfung nicht bestanden wurde oder es würden Kurse mit verschiedenen Leistungsstufen angeboten werden (nicht jeder muss ein hervorragender Mathematiker sein!). „In Österreich vergeuden wir viel zu viel Potenzial.“Wir müssen endlich lernen, was andere besser machen.“ Schwierige Lebensphasen in der Pubertät sind zu berücksichtigen.
“In meiner Idealvorstellung gibt es in Österreich eine Schule ohne Nachhilfe, wo Lehrer bis 16.30 Uhr arbeiten und wo jeder Schüler als erstes die grundlegenden Lerntechniken erlernt.“ (Hinweis auf Ganztagesschule). Es braucht die Vermittlung von Lern- und Lesekompetenzen. Im österreichischen Schulsystem hat Stoffvermehrung bei gleichzeitiger Stundenkürzung stattgefunden.
Eckdaten aus der Studie „Nachhilfesituation bei Schüler/innen in Tirol“
Durchgeführt vom Institut für Soziologie der Universität Innsbruck (Prof. Dr. Staubmann, Dr. Preglau-Hämmerle):
Repräsentative Studie: über 55 Schulklassen, Vollerhebung bei Eltern,
1327 Fragebögen verteilt, 1071 Fragebögen ausgewertet; Rücklaufquote 81%
Bezahlte Nachhilfe nehmen in Anspruch:
36,7% HAK, 30% BMS, 25% AHS, <5% VS
hochgerechnet: 14.000 Schüler/innen (2007/2008)
Betroffene Fächer: Mathematik (58,1%), Englisch (41,5%),
Deutsch (14,8%); Rechnungswesen (61% bei HAK-Schüler/innen)
Gesamtausgaben für Nachhilfe in Tirol im Schuljahr 2007/08 rund 7.210.000 €.
Finanzieller Aufwand für ein Schulkind: durchschnittlich 515 €
43 Prozent der Befragten, empfindet den finanziellen Aufwand als große Belastung für das Haushaltsbudget.
„Sozialer Filter“:
Je niedriger der soziale Status, desto mehr Nachhilfe ist notwendig und desto weniger ist Nachhilfe leistbar.
Gründe für Nachhilfe
Lehrerinnen/Lehrer: schlechtes Erklären, zu wenig Zeit zum Üben/Wiederholen, zu hohe Anforderungen, schlechte LehrerIn – SchülerIn Beziehung, zu wenig Ruhe in der Klasse
Schülerinnen/Schüler: mangelnde Motivation/Fleiß, Pubertätsprobleme (7. Schulstufe), mangelnde Konzentrationsfähigkeit, mangelndes Selbstvertrauen, mangelnde Disziplin, mangelnde Begabung
Schule: zu viele SchülerInnen pro Klasse, LehrerInnenwechsel, schlechtes Klassen-/ Schulklima, falsche Schule gewählt
Eltern: Eltern sind fachlich überfordert, familiäre Probleme (z.B. Scheidung), Eltern sind disziplinär überfordert
Wichtige Faktoren für das Ausmaß an Nachhilfe:
- Muttersprache nicht Deutsch
- Beide Elternteile berufstätig
- Schulbildung der Eltern
- Geschlecht spielt keine Rolle
Die Studie ist kostenlos bei der Arbeiterkammer erhältlich. E-Mail: bildung@ak-tirol.com , Tel. 0800-225522-1515
Folgestudie in Aussicht: Univ.-Prof. Dr. Staubmann berichtet davon, dass ein Dissertant Interesse habe, einen Ländervergleich innerhalb der EU bei Nachhilfe anzustellen.
Wo kann man ansetzen?
- Eltern fragen an den Schulen vermehrt nach Förderunterricht nach
- Die Lehreraus und fortbildung ist zu intensivieren, speziell zum Thema Fachdidaktik und „Lernen lernen“
- Elterntrainings (Hausaufgabenbetreuung)
- Ausbau der Ganztagesschulen
- Solange die Schule das Nachhilfeproblem nicht beseitigt hat, befristete Förderung von Nachhilfeangeboten (siehe AK und BFI)
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- Effektiv Lernen in jedem Alter
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- Antrag auf eine AK-Bildungsbeihilfe für das Nachholen von Bildungsabschlüssen bei kostenpflichtigen Vorbereitungskursen
- Antrag auf eine AK-Bildungsbeihilfe für Lehrlinge
- Antrag auf eine AK-Bildungsbeihilfe für Schülerinnen und Schüler
- Antrag auf eine AK-Bildungsbeihilfe für Studentinnen und Studenten
- Antrag für Ihre AK-Zukunftsaktie 2011
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