Essay zu Heidi Holleis
von Dr. Arch. Verena Dander
Als Heidi Holleis vor nunmehr 17 Jahren das Diplom der Kunstgewerbeschule für Ange-wandte Malerei ausgehändigt wurde, hatte die Revolution der modernen Kunst ihre we-sentlichsten Höhepunkte erlebt und hielt sich in einem wiederkehrenden Echo der Video- und Installationskunst durch die Manifestation einer allgegenwärtigen Medienkultur.
Von der Erfindung des Kubismus, der den alten illusionistischen Bildraum aufgebrochen hat, über den konventionelle Ideale und gefestigte Normen zerstörenden Dadaismus, bis hin zu den expressiven Abstraktionen der neuartigen Malerei, spannt sich der universelle Bogen für die stilistische Grundlage von Holleis Bildersprache.
Eine Offenbarung, in der sie die absolute Freiheit der bildnerischen Mittel als ideales Me-dium einsetzen kann, um ihre unerschrockene Gefühls- und Fantasiewelt, ihre spröde Sinnlichkeit und den poetischen Hang zum Mythologischen als auch die organische Ab-straktion von Naturbeobachtungen in Malerei zu übersetzen.
Holleis scheinbar gegenstandslose Malerei (‚Schwerelos’ 98, ‚Das rätselhafte Geschenk’ 02,Hochsommer’ 04) als Ausdrucksform des Antimateriellen, transformiert jenseits der geistig wahrnehmbaren Realität auch emotionale innere Erlebniswelten in assoziative Bildgestalten.
Starke physische Präsenz strahlen die kaleidoskophaften Farb- und Formfacetten jener avantgardistischen Figurationen aus, die großartiger Auftakt zu einer Reihe symbolträchtiger Naturgestaltungen sind (‚Vogelfrei oder?’ 06, ‚Gesamtkunstwerk Vogelfreiheit’).Diesen kraftvoll fließenden Figurationen stellt die Künstlerin in ihren Federzeichnungen den Eigenwert der Linie gegenüber, die im Spannungsfeld grafischer Abstraktion und körperlicher Sujets zum Ausdruckträger komplexer Formengewebe wird (‚Zyklus zur Zahl 13’ 08, ‚Gruppe Vogelfreiheiten’ 09). Rhythmische, schwarze Linienführung auf hellem Grund verleiht der unmittelbaren Formensprache nachhaltigen Ausdruck.
Holleis’ Wichtigkeit in der Kunst stellt jene Synthese dar, die nicht nur zu mannigfaltigen Bildinhalten vorstößt, sondern auch zu einer neuartigen Konzeption von Bildabsichten.
Souveräner Auftritt auf der Bühne des Gegenständlichen sind Holleis geometrische For-men und biomorphe Pinselführungen zur Darstellung von Musikinstrumenten (‚Violine’, ‚Trompete’, ‚Kontrabass’ 09). Der Bezug zur Musik wird verstärkt durch das rhythmische Zusammenspiel der Linien und Kreise, der verdichteten Farbkonsistenz und Materialität.
Holleis dezisionistische Darstellungen sind eine mutige Gegenüberstellung an jene Malerei, die von der klassischen Norm ausgeht. Sie sind eine Hommage an den abstrakten, intuitiven, expressionistischen Pluralismus, in dem Form, Raum, Farbe und Licht nicht mehr dem gegenständlichen Vorbild verpflichtet sind, sondern dem Zusammenhang der Bildkomposition.
Dezember 2009 |